Norton Rose: Globale „Finanzkrise“ eine Frage der Perspektive

13.10.2010

Über 24 Monate nach dem Lehman-Debakel gehen die Meinungen zu „Aufschwung“ oder „Krise“ des Finanzmarktes stark auseinander, wie eine Studie der internationalen Wirtschaftskanzlei Norton Rose Group zeigt

Befragte in Europa am skeptischsten

Wille zur globalen Zusammenarbeit bei aufsichtsrechtlichen Reformen sei gesunken und damit das Risiko einer erneuten Finanzkrise noch nicht wirksam eingedämmt

Die Frage, ob die Finanzwelt immer noch in der Krise steckt, ist eine Frage der Perspektive, also davon abhängig, in welchem Land und Bereich des Finanzsektors man tätig ist. Dies ergab eine von der internationalen Wirtschaftskanzlei Norton Rose Group durchgeführte Umfrage unter 314 Befragten international tätiger Kreditinstitute. Anhand der Ergebnisse kristallisieren sich zwei entgegengesetzte Positionen heraus: Auf der einen Seite stehen die Länder, deren Banken gerettet werden mussten. Auf der anderen Seite befinden sich jene Länder, in denen dies nicht notwendig erschien. Wird zwischen diesen beiden Seiten kein Ausgleich gefunden, besteht das Risiko, dass es zu großen regulatorischen Unterschieden kommt und sich damit der Anreiz erhöht, Länder zu meiden, in denen verschärfte Finanzmarktregeln herrschen und sich jenen zuzuwenden, die solche Regeln nicht eingeführt haben. Laut Mehrheit der Befragten ist dies ein klares Zeichen dafür, dass das Risiko einer erneuten Finanzkrise noch nicht vollständig eingedämmt wurde.

Wichtigste Ergebnisse für Europa

(basierend auf den Antworten von 215 Befragten aus Europa, einschließlich UK)

Was die Erholung der Wirtschaft anbelangt, so hat sich Europa laut Umfrageergebnis auf eine schwache und langsame Erholung einzustellen (72 % gaben an, dass dies mindestens 12 Monate dauern wird) und muss mit mindesten 18 Monaten rechnen, bis sich die Liquidität wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Finanzkrise befindet. Damit hat sich das Meinungsbild seit 2009 eingetrübt: In Vorgänger-Studien der Norton Rose Group im April sowie im vierten Quartal 2009 gaben nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten an, dass es mindestens 12 Monate dauern würde, bis sich die Wirtschaft erholen wird.

• 79 % der Umfrageteilnehmer erwarten, dass sich die Wirtschaft nur langsam und flach erholen (53 %) oder sich in absehbarer Zukunft gar nicht nach oben entwickeln wird (26 %). Nur rund 20 Prozent der Befragten befürchten eine Rezession mit zwei Talsohlen (Double-Dip).

• 68 % der Befragten sind der Auffassung, dass sich die Kluft zwischen den Ländern verbreitert, die ihre Finanzdienstleistungsbranche stützen mussten und denen, in denen dies bislang nicht notwendig war.

• 87 % der Teilnehmer aus Kontinentaleuropa betrachten insbesondere Asien (einschließlich China) als die Region, die in der gegenwärtigen finanziellen Lage die besten Geschäftsaussichten bietet, gefolgt von Südamerika (30 %) und Australien (21 %).

• 63 % sind der Meinung, dass der Wille zur globalen Zusammenarbeit bei aufsichtsrechtlichen Reformen gesunken ist und damit das Risiko einer erneuten Finanzkrise noch nicht wirksam eingedämmt wurde.

• 63 % der Befragten in Kontinentaleuropa* sind der Auffassung, dass eine zunehmende finanzpolitische Konsolidierung der Länder der Eurozone die notwendige Folge der jüngsten Marktturbulenzen ist.

(* Diese Frage wurde nur den Umfrage-Teilnehmern aus Kontinentaleuropa gestellt).

Die Umfrage zeigt auch, dass immer noch eine Vielzahl von Risiken – neben rein ökonomischen Faktoren wie Inflation und Deflation – die Geschäftsplanung von Banken und anderen Finanzinstitutionen entscheidend beeinflusst. Auf die Frage, welche Faktoren ihr Geschäft in den nächsten zwölf Monaten voraussichtlich am meisten beeinflussen werden, gaben die Umfrageteilnehmer in Europa bei mehreren Antwortmöglichkeiten am häufigsten „Marktrisiko“ (40 %), „aufsichtsrechtliche Risiken“ (31 %), dicht gefolgt von „Liquiditätsrisiko“ (28 %) an. Interessant ist dabei, dass die Teilnehmer in Kontinentaleuropa als stärksten Einflussfaktor auf ihr Geschäft das Liquiditätsrisiko (44 %) sehen (gefolgt von Marktrisiko mit 39 % und aufsichtsrechtlichem Risiko mit 31 %).

Tomas Gärdfors, Banking Partner bei Norton Rose LLP in Frankfurt, zu den Ergebnissen:

„Die große Mehrheit der Teilnehmer in Europa ist noch zurückhaltend, was die Aussichten für die Eurozone betrifft. Mehr als 91 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Erholung entweder sehr schwach oder schwach ist. Die Europäer stellen in der Tat von allen Teilnehmern der Umfrage die ängstlichste Gruppe dar und nur wenige von ihnen teilen die optimistische Einschätzung insbesondere der asiatisch-pazifischen Region. Obwohl die Eurozone laut OECD ein bescheidenes, aber gesundes BIP-Wachstum von einem Prozent im zweiten Quartal erlebt hat, erwarten die Ökonomen für den Rest des Jahres, dass auch dieses Tempo noch einmal nachlässt. Allerdings differenzieren die Umfrageteilnehmer auch zwischen Ländern wie zum Beispiel Deutschland, wo das Wachstum im zweiten Quartal gleich auf über zwei Prozent anstieg, und den etwas problematischeren Volkswirtschaften."

Asien als chancenreichste Region

Die Befragten aus Asien, wie alle anderen Umfrageteilnehmer, erachten ihre Region klar als am wirtschaftlich aussichtsreichsten. Immer mehr europäische Unternehmen zieht es in diese Region – zunehmend auch, um sich auf den asiatischen Finanzmärkten Kapital zu beschaffen.

Diese Möglichkeit beleuchtet Dr. Michael Malterer, Corporate Finance Partner bei Norton Rose LLP in München: „Aufgrund des freundlichen Investitionsklimas beispielsweise in Hongkong – das im Vergleich zu den immer noch angeschlagenen europäischen Märkten als eines der führenden Finanzzentren weltweit kontinuierliches Wachstum aufweist – bedeutet die Möglichkeit der Kapitalbeschaffung über eine dortige Börsennotierung eine attraktive Alternative für europäische große und mittelständische Unternehmen mit Niederlassungen in Asien. Eine Notierung an der Hongkonger Börse ist jedoch nicht nur ein Weg zur Kapitalbeschaffung sondern bietet auch eine Plattform, um die wirtschaftlichen Beziehungen zu China und anderen asiatischen Staaten aufzubauen und zu stärken, denn Hongkong bietet enge Geschäftsbeziehungen zu den übrigen Volkswirtschaften in Asien.“

Globales Bild

Nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 herrschte über Ländergrenzen hinweg Einigkeit darüber, dass eine gemeinsame, globale Antwort auf die Finanzmarktkrise notwendig sei, um mit den Problemen fertig zu werden. Zwei Jahre später, wo sich die Länder – besonders die G20 Staaten – in äußerst unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen wiederfinden, schwindet laut Meinung der Umfrage-Teilnehmer der Wille zur globalen Zusammenarbeit im Hinblick auf aufsichtsrechtliche Reformen. „Einige Länder preschen mit Plänen für Abgaben, Transaktionssteuern, Höchstgrenzen für Bonuszahlungen sowie aufsichtsrechtlichen und strukturellen Reformen vor, andere wiederum kehren zum Status-Quo zurück“, so James Bateson, Head of Financial Institutions bei Norton Rose LLP in London.

Er ergänzt: „Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass es an der Zeit ist aufzuhören, von einer ‚weltweiten Finanzkrise’ zu sprechen, denn die verschiedenen Volkswirtschaften befinden sich in äußerst unterschiedlichen Situationen. Viele Teile der Welt florieren trotz Liquiditätsengpässen im Finanzsektor, und es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, neue aufstrebende Märkte zu erschließen. Derzeit trifft dies ganz klar auf den Asien-Pazifik-Raum zu, aber es gibt weitere, chancenreiche Regionen auf der Welt. Besonders die, die reich an natürlichen Ressourcen sind und stabile Politik- und Finanzsysteme haben. Auch wenn unsere Studie offenbart, dass die Befragten einen langsameren Aufschwung erwarten als noch bei unserer letzten Umfrage, gibt es doch weniger Bedenken für eine erneute Rezession und der allgemeine Trend unserer Umfrage geht in die positive Richtung. Trotz offensichtlicher, starker Marktreaktionen auf tagesbasierte Wirtschafts- und Finanzdaten und anhaltender Sorge um die Eurozone."

Die Studie „Global financial recovery: A matter of perspective” basiert auf der Befragung von 314 Personen aus international tätigen Kreditinstituten, die in Europa, dem Nahen Osten und dem Asien-Pazifik-Raum ansässig sind. Die Befragung wurde zwischen dem 13. Juli und 17. September 2010 durchgeführt. Es ist die sechste Umfrage der Kanzlei seit Herbst 2007, die sich mit den fortschreitenden Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise beschäftigt.

Die vollständige Studie können Sie hier abrufen: Global financial recovery: A matter of perspective

Diese ist gegliedert in globale Ergebnisse sowie die Regionen Asien, Australien, Naher Osten, Kontinentaleuropa und UK.

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