BVerfG: Erfolgreiche Verfassungsbeschwerde gegen Versa gung einstweiligen Rechtsschutzes unter Verweis auf ein vorrangiges sozialrechtliches Schlichtungs verfahren

17.09.2026

Mit dem heute veröffentlichten Beschluss hat die 3. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts einer Verfassungs beschwerde stattgegeben, die sich gegen die Versagung einst weiligen Rechtsschutzes im Hinblick auf einen vorläufigen Ver tragsschluss zur Erbringung von Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung an einen außerklinischen Intensivpflege dienst richtet.

Die Kammer hat festgestellt, dass der angegriffene Beschluss des Landessozialgerichts das Grundrecht auf effektiven Rechts schutz aus Art. 19 Abs. 4 Satz 1 Grundgesetz (GG) verletzt. Das Landessozialgericht hätte den Antrag auf Erlass einer einstwei ligen Anordnung nicht ohne jede Sachprüfung allein mit dem Verweis auf ein noch nicht durchgeführtes obligatorisches Schiedsverfahren ablehnen dürfen.

Die Kammer hat den angegriffenen Beschluss aufgehoben und die Sache an das Sächsische Landessozialgericht zurückverwie sen.

Sachverhalt:

Der Beschwerdeführer ist Insolvenzverwalter einer GmbH, die Pflegedienstleistungen im Bereich der außerklinischen Inten sivpflege anbietet.

Nachdem die Verhandlungen zwischen der GmbH und den Lan desverbänden der Kranken- und Ersatzkassen über eine zwin gend erforderliche Folgevereinbarung über die Höhe der Ver gütung nicht erfolgreich verlaufen und die Dauer des obligato rischen Schiedsverfahrens nicht absehbar war, hat die GmbH ei nen Eilantrag beim Sozialgericht mit dem Ziel der vorläufigen Festsetzung einer „auskömmlichen“ Vergütung für ihre Leistun gen gestellt. Dieser Antrag ist sowohl vom Sozialgericht als auch vom Landessozialgericht ablehnend beschieden worden. Die Gerichte haben ihre Ablehnung im Wesentlichen auf eine man gelnde Erfolgsaussicht in der Hauptsache wegen des Vorrangs des gesetzlich angeordneten Schiedsverfahrens gestützt. Grundrechtliche Belange der GmbH seien in dieser Konstellation ohne Relevanz und für eine Folgenabwägung kein Raum.

Mit seiner Verfassungsbeschwerde rügt der Beschwerdeführer unter anderem die Verletzung seines Grundrechts auf effektiven Rechtsschutz nach Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG.

Wesentliche Erwägungen der Kammer:

Die Verfassungsbeschwerde ist, soweit sie zur Entscheidung an genommen wurde, zulässig und begründet.

I. Die Beschwerdefähigkeit des Insolvenzverwalters ist mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das Vermögen der GmbH eingetreten.

II. Der Beschluss des Landessozialgerichts verletzt den Be schwerdeführer durch die Verweigerung jeglichen Eilrechts schutzes vor Beendigung eines obligatorischen Schiedsverfah rens in seinem Grundrecht auf effektiven Rechtsschutz aus Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG.

1. Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG enthält ein Grundrecht auf effektiven und möglichst lückenlosen richterlichen Rechtsschutz gegen Akte der öffentlichen Gewalt. Die Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes verlangt grundsätzlich die Möglichkeit eines Eil verfahrens, wenn ansonsten dem Betroffenen eine erhebliche Verletzung seiner Rechte droht, die durch die Entscheidung in der Hauptsache nicht mehr beseitigt werden kann.

2. Auf ein Unterlassen des für den Erhalt einer Leistungsvergü tung erforderlichen Vertragsschlusses nach dem Sozialgesetz buch Fünftes Buch (SGB V) kann grundsätzlich mit dem Antrag auf Erlass einer Regelungsanordnung durch die Sozialgerichte reagiert werden. Eine gesetzliche Regelung, die dieses Vorge hen ausschließen würde, existiert nicht. Die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts, wonach eine Zahlungsklage eines Leistungserbringers gegen eine Krankenkasse als „zur Zeit un begründet“ abzuweisen sei, solange das gesetzlich angeord nete Schiedsverfahren noch nicht abgeschlossen sei, steht dem Erlass einer Regelungsanordnung in einem Fall, in dem schwere unabwendbare Nachteile drohen, nicht entgegen und entbin det vor dem Hintergrund, dass ein Obsiegen in der Hauptsache möglich ist, nicht von einer Folgenabwägung.

Die Rechtsanwendung des Landessozialgerichts lässt den An trag auf vorläufigen Rechtsschutz demgegenüber leerlaufen. Die ausnahmslose Versagung vorläufigen Rechtsschutzes mit Verweis auf das noch nicht abgeschlossene Schiedsverfahren führt im vorliegenden Fall zu schweren und unzumutbaren Nachteilen für die GmbH. In der vorliegenden Konstellation, in der ein Kontrahierungszwang der Krankenkasse gesetzlich an geordnet und keine gesetzliche Regelung zu einer abweichen den Handhabung des einstweiligen Rechtsschutzes besteht, hätte es im Mindesten einer Auseinandersetzung damit bedurft, inwiefern dem Vorrang des Schiedsverfahrens auch in einer Konstellation, in der der vollständige Existenzverlust und eine endgültige Verhinderung der Grundrechtsverwirklichung droht, abschließende Geltung zukommen kann.

3. Der angegriffene Beschluss des Landessozialgerichts vom 3. November 2025 wird aufgehoben und die Sache zur erneu ten Entscheidung an das Landessozialgericht zurückverwiesen.

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